(Peopleimages | www.istockphoto.com)

Wie viele Kuschelmomente brauchen Kinder?

Verena

Kinder haben ein natürliches Bedürfnis nach körperlicher Nähe zu ihren Eltern. Wie viel oder wenig Nähe sie sich wünschen, ist jedoch von Kind zu Kind verschieden.

Für eine gesunde und glückliche Entwicklung brauchen Kinder elterliche Fürsorge in Form von liebevoller Ansprache und zärtlichem Körperkontakt. Speziell für Babys ist ein intensiver Körperkontakt notwendig, um zu überleben. Sie müssen gestillt, getragen und in den Schlaf gewiegt werden. Je größer Kinder werden, umso selbstständiger und unabhängiger werden sie von körperlicher Nähe und umso mehr wird auch ihr Charakter erkennbar. Denn genauso, wie es manche Kinder gibt, die viel, und andere, die wenig Schlaf brauchen, gibt es auch Kinder, die viel oder wenig Kuscheleinheiten wünschen.

 

Mögliche Gründe für körperliche Distanz:

 

Aktive Kinder

Paula ist drei Jahre alt und ein Kind mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Autonomie, sie will am liebsten alles selbst machen. Und einen starken Bewegungsdrang hat sie auch. Seit sie laufen kann, möchte sie kaum noch auf den Arm. Am Tisch sitzen bleibt sie maximal, bis sie aufgegessen hat. „Unsere wilde Hummel“, nennen sie ihre Eltern liebevoll. Kuschelmomente mit ihr finden hauptsächlich morgens statt. Paula ist ein Morgenmuffel und liebt es, das Aufstehen hinauszuzögern. Wenn sie dann aber einmal aufgestanden ist, ist sie eigentlich immer unterwegs. Kuscheln auf dem Arm mag sie nur, wenn sie müde ist oder sich wehgetan hat. Viel lieber wird sie in die Luft geworfen und wieder aufgefangen.

 

Kuschelpausen für wilde Hummeln

Sehr aktiven Kindern fehlt manchmal einfach die Ruhe für Kuscheleinheiten. Da kann es helfen, wenn ihr kleine Pausen in den Tagesablauf einbaut. So helft ihr eurem Kind zu entschleunigen. Vorlesen bietet sich gut an. Macht es euch auf einem Sofa oder Bett gemütlich und schenkt eurem Kind die volle Aufmerksamkeit. Ist euer Kind noch nicht an Büchern interessiert, könnt ihr auch zusammen Hörspiele hören oder einfach so nebeneinander liegen und dabei Fingerspiele spielen oder Reime und Lieder singen. Körperpflege und Anziehen sind schöne Gelegenheiten, euren Schatz in den Arm zu nehmen oder ihm anders zu zeigen, wie lieb ihr ihn habt. Das Kind zu baden, es abzutrocknen und vielleicht auch zu massieren, kann ein Ritual sein, bei dem Vertrauen und Geborgenheit entstehen und das eurem Kind am Abend hilft, die aufregenden Erlebnisse des Tages zu verarbeiten. Damit solche Momente harmonisch verlaufen, ist es wichtig, dass ihr genug Zeit und Ruhe habt.

Kinder erleben Zuwendung aber auch im Spiel. Der Klassiker ist sicher „Wer kommt in meine Arme?“. Kinder wie Paula, die nicht gerne still sitzen, lieben zum Beispiel „Hoppe, hoppe Reiter“. Beim Toben, Balancieren, Klettern, Schaukeln oder Rutschen ergibt sich Körperkontakt wie von selbst, zum Beispiel, wenn ihr eurem Kind die Hand haltet, es anschubst und auffangt. Diese kleinen Berührungsmomente tun euch beiden gut.

 

Nicht-Kuschler

Emil ist vier Jahre alt. Wenn er morgens in die Kita kommt, läuft er ohne Abschiedskuss oder Umarmung in den Gruppenraum. Und auch sonst mag er nicht gerne geküsst oder gedrückt werden. Wenn er sich wehtut, dürfen ihn seine Eltern zwar auf den Arm nehmen, aber ein über die Wange oder den Kopf Streicheln quittiert er mit einem „Nein“. Nachts ins Elternbett gekrochen kommt er nie. Da Emil weder ängstlich noch schüchtern ist, sehen seine Eltern das als einen Wesenszug seiner Persönlichkeit an und respektieren seine Bedürfnisse. Auch wenn sie es manchmal schade finden, dass ihr Sohn nicht so verschmust ist wie andere Kinder, drängen sie ihm ihren Wunsch nach mehr Nähe nicht auf.

 

Kinder müssen spüren dürfen, was ihnen guttut

Emil kann gut auf seine Grenzen achten und genießt Nähe nur dann, wenn er sie wirklich wünscht. Würden seine Eltern ihn gegen seinen Willen zu körperlicher Nähe drängen, würde sein Bedürfnis danach vermutlich noch weiter abnehmen. Jedes Kind hat wie jeder erwachsene Mensch das Recht zu entscheiden, wer es berührt und wann es berührt wird. Auch ihr wollt nicht zu jeder Zeit vom Partner oder der Partnerin einfach so geküsst werden.

Wenn euer Kind seine Wünsche äußert, ist das gut. Bitte geht unbedingt darauf ein. Andernfalls lernt euer Schatz, dass sein Nein nicht zählt und seine Grenzen nicht sicher geschützt werden. Wenn Kinder aber spüren, was ihnen guttut und was nicht, sind sie nicht nur im Hinblick auf Missbrauch wesentlich besser geschützt, sondern zum Beispiel auch davor, sich von anderen ausnutzen zu lassen oder ein ungesundes Ernährungsverhalten zu entwickeln.

Wenn euer Kind nur wenig körperliche Nähe zulässt, hilft es, wenn ihr ein paar Rituale einführt, mit denen ihr euch gegenseitig eure Verbundenheit zeigt. Manche Kinder verteilen beim Abschied in die Kita zum Beispiel Luftküsse. Oder sie freuen sich, wenn ihre Eltern ihnen mit dem Finger ein Herz auf die angehauchte Fensterscheibe malen. Liebe könnt ihr auf vielfältige Art und Weise ausdrücken, neben körperlicher Zärtlichkeit auch dadurch, dass ihr eurem Kind zuhört und ihm vertraut.

Eure Lieblinge befinden sich in einem stetigen Entwicklungsprozess. Gerade in den ersten Jahren ist ihr körperliches und geistiges Wachstum immens. Jede Phase ruft unterschiedliche Bedürfnisse hervor, die sich schnell wieder ändern können. Deshalb legt euer Kind nicht auf einen Typ fest, sondern schaut darauf, was es jetzt braucht. Und auch wenn ihr euch wünscht, dass sich euer Kind normal entwickelt, vergleicht es nicht zu sehr mit anderen, sondern denkt daran, dass euer Kind ein kleines Wunder und auf der Welt einzigartig ist!