Mama kuschelt mit Baby (PeopleImages | www.istockphoto.com)

Verwöhnte Babys: Kann zu viel Kuscheln schaden?

Jacqueline

Julia Dibbern, Autorin des erfolgreichen Familienratgebers „Verwöhn dein Baby nach Herzenslust“ erklärt im sigikid-Interview, warum verwöhnte und bekuschelte Babys einfach zufriedener sind.

 

In Ihrem Buch stellen Sie die Frage, warum Verwöhnen bei Erwachsenen positiv, bei Babys und Kindern jedoch negativ bewertet wird. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Das ist historisch gewachsen. Das Konzept einer Kindheit als schützenswerte Phase ist relativ neu. Und wir können uns das auch erst seit kurzer Zeit leisten. Im vergangenen Jahrhundert herrschte überwiegend die Haltung vor, möglichst harte, „unverzärtelte“ Kinder großzuziehen. Inzwischen hat sich die Auffassung geändert. Heute brauchen wir global Menschen, die die Welt als einen guten, freundlichen, erhaltenswerten Ort wahrnehmen.

Warum ist es gut und wichtig, Babys zu verwöhnen?

Verwöhnt zu werden ist für jeden gut und wichtig. Durch Körperkontakt wird das Kuschelhormon Oxytocin ausgeschüttet. Wärme, sanfte Berührung, zarte Massage, gutes Essen – all diese Dinge sorgen dafür, dass wir uns geborgen und sicher fühlen. Und Menschen, die sich wohlfühlen, benehmen sich in der Regel auch gut. Verwöhnte und bekuschelte Babys und Kinder sind einfach zufriedenere Kinder.

Was bedeutet Verwöhnen genau?

Verwöhnen beutet nicht, Kinder mit materiellen Dingen zuzuschütten. Und es bedeutet auch nicht, Kindern sinnlos jeden Wunsch zu erfüllen. Es geht darum, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Bei Babys ist das sehr einfach, da die Bedürfnisse vor allem körperlich sind. Bei Kleinkindern müssen Eltern achtsam sein und zwischen echten Bedürfnissen und sinnlosen Wünschen unterscheiden lernen. Im Zweifelsfall müssen sie versuchen, herauszufinden, was hinter diesem Wunsch steckt.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie wichtig körperliche Nähe für Babys ist. Meinen sie damit auch Kuscheln?

Es geht in erster Linie um die Sicherheit. Und Kuscheln gibt Sicherheit: Jemand ist da, ich werde gehalten, ich bin geborgen, die Welt ist ein freundlicher Ort. Wenn ein Baby auf die Welt kommt, ist alles neu. Wenn wir Erwachsene neu an einen Ort kommen, möchten wir auch Orientierung und jemanden haben, der uns liebhat.

Babys haben nicht nur ein Bedürfnis nach Nähe, sondern auch nach Autonomie. Gibt es eine Grenze, wo Eltern ihr Kind erdrücken und Kuscheln dem Baby schadet?

Hier ist Achtsamkeit sehr wichtig. Alle Kinder durchleben bestimmte Phasen, aber trotzdem können sich ihre Bedürfnisse individuell unterscheiden. Manche Kinder haben ein großes Bedürfnis nach Selbstständigkeit, andere haben ein großes Bedürfnis nach Nähe. Und Eltern müssen auch aufpassen, dass sie nicht ihr eigenes Bedürfnis nach Nähe erfüllen, sondern sich in den Dienst der Kinder stellen. Für Eltern ist das manchmal schwer herauszufinden. Da hilft nur Zeit und Aufmerksamkeit. Eltern sollten aber auch gnädig mit sich selbst sein. Wir werden nicht als Profieltern geboren, sondern tasten uns ans Elternsein heran.

Eine sichere Bindung zwischen Eltern und Kind scheinen vor allem feinfühlige Eltern zu erreichen. Warum?

Feinfühlige Eltern erzeugen feinfühlige Kinder. Empathie kann sich nur in Sicherheit entwickeln. Wenn der Mensch die ganze Zeit im Stressmodus ist, werden die Hormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Dabei kann kein Mensch ein Gefühl für das große Ganze entwickeln, sondern er ist auf Überlebensmodus eingestellt. Ganz grob gesagt: Geliebte Kinder werden liebende Erwachsene.

Dem Kind alle Bedürfnisse zu erfüllen, kann Eltern mitunter an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringen. Sie unterscheiden zwischen Grenzen setzen und Grenzen haben, was meinen Sie damit?

Kinder brauchen Grenzen. Unter „Grenzen setzen“ wird aber oft etwas Willkürliches verstanden. Jeder gesunde Mensch muss seine Grenzen empfinden lernen, egal was die Nachbarn sagen. Ich muss dann schauen, wie ich die Bedürfnisse meines Kindes und meine Bedürfnisse miteinander vereinbaren kann, nur darum geht es. Dabei kann faktisches Wissen helfen. Wir sind Säugetiere und haben als solche bestimmte Bedürfnisse. In dem Augenblick, in dem sie erfüllt werden, gestaltet sich das Leben meist recht entspannt. Und wenn Eltern merken, dass ihnen zwischendrin die Puste ausgeht, sollten sie sich Unterstützung von Oma und Opa holen. Wenn die Bedürfnisse des Kindes erfüllt sind, wird das Leben einfacher und leichter. Es geht nicht darum, einen Supermutterpreis zu gewinnen, sondern sich das Leben zu erleichtern.

Welchen Einfluss hat dabei das Kuscheln mit Haustieren oder Kuscheltieren auf die frühkindliche Entwicklung?

Hier geht es wieder um die Autonomie des Kindes. Es kann Lebensphasen geben, in denen Eltern Nähe nicht so gut geben können oder Kinder Nähe nicht so gut annehmen. Dann sind Haustiere und auch Kuscheltiere eine gute Alternative. Das Kind kann sein Kuschelbedürfnis so aus eigener Kraft stillen.

 

 

 

Über die Autorin:

Julia Dibbern ist Autorin, Fachjournalistin für Nachhaltigkeit und Familie sowie Autorin erfolgreicher Familienratgeber, unter anderem bei Beltz und Kösel. Sie ist Mitbegründerin des artgerecht-Projekts und Mutter eines phantastischen Teenagers. Mit ihrer Familie lebt sie vor den Toren Hamburgs. www.juliadibbern.de

Literaturhinweis:

Julia Dibbern: Verwöhn dein Baby nach Herzenslust – 9 Verwöhn-Bausteine für den Start ins Leben. Taschenbuch, 240 Seiten, erschienen bei Beltz, Februar 2016, 14,95 Euro.

 

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