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Slow Family: Warum es so gut tut, Dinge zu verpassen

Jenny

Julia Dibbern, Autorin des Ratgebers „Slow Family“, erklärt im sigikid-Interview, wie Entschleunigung im Familienalltag gelingt!

 

Julia, wie gelangt man zu mehr Achtsamkeit im stressigen Familienalltag?

Wir leben so viel in der virtuellen Welt, da ist es umso wichtiger, dass wir uns Zeit für echte Erfahrungen nehmen. Alles, was sinnlich ist, tut gut. Wir können in den Wald gehen, im Regen tanzen, Ameisen beobachten, mit Haustieren kuscheln, barfuß laufen. Diese sinnlichen Erlebnisse sind es, an die wir uns später erinnern. Unsere Kinder werden nicht mehr wissen, was in der 75. Folge einer Serie passiert ist. Aber wie sie mit Opa angeln waren.

Welche Rolle spielt körperliche Nähe bei diesen sinnlichen Erfahrungen?

Nähe ist ein tiefes menschliches Bedürfnis. Wir brauchen das Kuscheln. Man kann sich gegenseitig massieren, den Kopf kraulen, die Kinder tragen. Oft halten wir unsere Kinder auf künstliche Entfernung, weil „es sich nicht gehört“ oder sie „zu alt dafür“ sind. Wir sollten sie aber so alt behandeln, wie sie sich gerade fühlen. Wenn der Zwölfjährige einen Albtraum hatte, darf er mit zu uns ins Bett kommen. Wenn die Fünfjährige müde und anschmiegsam ist, können wir sie zur Kita tragen, sofern es nicht zu weit ist.

Also lieber ein paar Kuschelmomente mehr einbauen?

Es gibt eine sehr wirksame Übung: Nimm dein Kind oder deinen Partner einmal acht Sekunden lang in den Arm. Lass dich darauf ein – ohne zu zappeln, ohne über den Rücken zu streicheln oder etwas zu sagen. Acht Sekunden sind lang. Die Wirkung ist unglaublich. So eine Umarmung setzt Glücksgefühle frei und schafft tiefe Verbundenheit. Und man übt dabei, sich selbst und den anderen wahrzunehmen.

Ähnelt das Konzept „Slow Family“ dem dänischen Lebensgefühl „Hygge“? Die Dänen sind im Welt-Glücksreport immer weit vorn. Ein Grund ist, dass sie Augenblicke gemeinsam genießen, die Smartphones ausschalten und es sich gemütlich machen …

Teilweise, aber „Slow Family“ ist mehr. Wir wollen keinen Rückzug ins Private am warmen Kamin, sondern einen Blick für das große Ganze. Wir gehen zwar in den Wald, weil es entspannt, aber auch, damit unsere Kinder ihn lieben lernen. Denn was man liebt, möchte man schützen.

Was sind die wichtigsten Tipps für Entschleunigung im Familienleben?

Der wichtigste: Wir dürfen uns nicht damit stressen, uns nicht zu stressen. Entschleunigung sollte keinesfalls zum Zwang werden. Wenn ich es nicht schaffe, mit meinen Kindern in den Wald zu gehen, ist das in Ordnung. Man kann jeden Tag ein kleines bisschen umsetzen. Und wenn es eben nur ist, barfuß durch die Wohnung zu laufen. Außerdem: Wir sollten nicht versuchen, alles alleine zu schaffen. Wir brauchen ein Dorf, ein unterstützendes Netzwerk.

Wenn Familie und Freunde weit weg wohnen, in ganz Deutschland verteilt, fällt das schwer?

Es können auch Nachbarn sein oder die nette Oma aus der Straße, die gerne Pfannkuchen backt. Kindern tut es gut, wenn sie andere Lebenswelten und ganz unterschiedliche Menschen kennenlernen. Auch das sind echte Erfahrungen.

Familien mit mehreren Kindern haben oft einen Terminkalender voll wöchentlicher Aktivitäten, die sich nicht so einfach streichen lassen. Was können sie tun?

Ich habe eine Zeit lang einen Trick angewandt und habe mit meinem Sohn jeden Donnerstag eine feste Verabredung gehabt, um entweder an die Elbe zu gehen oder in den Wald. Das war also als Termin gesetzt. Für uns hat das gut funktioniert. Wen das stresst, der kann einfach schauen, welche Gewohnheiten und Hobbys wirklich Freude bringen und welche man „entsorgen“ kann. Man braucht den Mut, etwas zu verpassen. In die Lücken, die entstehen, kann man neue Erfahrungen setzen. Oder einfach mal Pause machen.

Ist eine stressfreie Kindheit heutzutage überhaupt möglich?

Ich glaube, wir haben heute nicht mehr Stress als früher, er ist nur anders geworden. Das Vergangene wird oft verklärt. Die Kinder hatten früher viel weniger Zeit mit ihren Eltern. Heute sind Eltern wahnsinnig bewusst und liebevoll, das ist sehr schön. Wir haben immer das Gefühl, nicht genug Zeit zu haben – aber es ist eher die Frage, womit wir sie verbringen. Man kann Prioritäten setzen und sich in kleinen Schritten Freiräume schaffen. Immer Schritt für Schritt.

 

Über die Autorin:

Julia Dibbern ist Autorin, Fachjournalistin für Nachhaltigkeit und Familie und schreibt erfolgreiche Familienratgeber. Sie ist Mitbegründerin des Projekts „artgerecht“ und Mutter eines fantastischen Teenagers. Mit ihrer Familie lebt sie vor den Toren Hamburgs. www.juliadibbern.de

Literaturhinweis:

Julia Dibbern/Nicola Schmidt: Slow Family. Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern, erschienen bei Beltz, 240 Seiten, 16,95 Euro.