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Raus in die Natur: Mit kleinen Kindern den Wald erkunden

Julia

Der Wald hat eine besondere Wirkung auf die Entwicklung und den Erfahrungsreichtum von Kindern. Aber auch wir Erwachsenen profitieren von der wohltuenden Atmosphäre der Natur. Wir verraten dir heute, warum es sich lohnt, ab und zu einen Wald zu besuchen – ganz egal, ob sich dieser Wald auf dem Land oder in einem Park mitten in der Stadt befindet.

Kennst Du das? Du hattest einen stressigen Tag, die Kinder quengeln, toben wild umher und euer zu Hause gleicht eher einem Abenteuerspielplatz als einem gemütlichen Familiennest. Dein Kopf sagt, „Aufräumen“, dein Bauch entgegnet „Ich bin müde“ und deine Kinder wollen einfach nur Spaß haben. Was jetzt allen hilft, ist ein Spaziergang im Wald, dem Trubel entkommen, einfach loslassen, die Kinder laufen lassen und dabei selbst entspannen.

 

Eine Oase für Alle

Im Wald passiert alles im eigenen Tempo. Hier gibt es keine Termine, kein Telefon, kein Aufräumen, keine Verpflichtungen. Es ist der ideale Ort, um abzuschalten, zu entschleunigen und aufzutanken. Die Natur ist eine Oase mitten im Alltag, die uns Eltern regeneriert, so dass wir wieder ausgeglichener für die Herausforderungen des Alltags mit unseren Kindern sind. Sie ermöglicht uns, durchzuatmen und neue Kraft zu schöpfen, ohne dass wir für diese Kurzzeit-Erholung einen Babysitter oder eine Form von Kinderbetreuung arrangieren müssten. Denn im Wald blühen auch die Kleinen auf: Er bietet ihnen ausreichend Raum, zu entdecken und zu erforschen, zu rennen und zu toben, zu spielen und zu bauen. Der Wald ist eine Oase für die ganze Familie.

 

Die Stimulierung der Sinne

Wenn wir einen Wald betreten, tauchen wir in eine Welt hinein, die all unsere Sinne anspricht und stimuliert. Stell dir einmal einen Wald vor:

Hörst du es? Das Zwitschern von Vögeln; der Wind, der die Blätter der Bäume bewegt; das Plätschern eines Baches – hier ist eine Welt, die von unzähligen Klängen erfüllt ist, welche zusammen eine wunderschöne Symphonie ergeben.

Riechst du es? Der Geruch von feuchter Erde; die Düfte der verschiedenen Blumen, Sträucher, Gräser und Nadelbäume – diese Welt ist ein einzigartiges, traumhaftes Dufterlebnis.

Fühlst du es? Der weiche Waldboden, der leicht unter den Schritten nachgibt; Rinde, die sich unter den Händen rau, aber nicht kalt anfühlt; Moose, die sich flauschig weich anfühlen; zarte Blätter und knorrige Wurzeln, sanfte Federn und feste Steine. Alles hier hat seine eigene Textur, seine eigene Beschaffenheit.

Siehst du es? Die Lichtstrahlen der Sonne, die durch die Blätter fallen und sowohl den Weg als auch die Bäume mit tausenden Schattierungen mustern; die unzähligen Farbtöne der Blätter, Rinden, Farne, Moose, Blüten, Beeren und Pilze; die Überraschungen, die auf die Augen warten, wie das Eichhörnchen, das über den Weg huscht oder der blauschimmernde, glänzende Käfer: Willkommen in einer reich gedeckten Welt, an der sich die Augen nicht sattsehen können.

Der Wald ist ein Meer der Sinne. Der große Unterschied zu der Sinnesanregung an anderen Orten ist: Im Wald findet trotz der vielen Sinneseindrücke keine Reizüberflutung statt. Gerade für Kinder ist dies wichtig, da Kinder ihr Umfeld noch viel intensiver als Erwachsene wahrnehmen. Zu viele Sinnesreize auf einmal führen bei Kindern zu Unbehagen und Stress. Nicht so im Wald: Hier verbinden sich alle Sinneswahrnehmungen zu einer solchen Harmonie, dass das Walderlebnis beruhigend, entspannend und entstressend zugleich wirkt.

Die erholsame Atmosphäre des Waldes wurde übrigens von verschiedenen Wissenschaftlern bestätigt: Forscher von der Universität Michigan sprechen aufgrund der positiven, entspannenden Wirkung des Waldes sogar von einer „Naturpille“: bereits 20 Minuten im Wald genügen, um Stress zu reduzieren und nachweislich den Cortisolspiegel zu senken. In einem Wald vertieft sich unsere Atmung und wir kommen zur Ruhe. In Japan gibt es daher den Trend des „Waldbadens“ als Mittel zur gezielten Erholung – Shinrin-Yoku.

 

Entfaltung der Fantasie

Fantasie ist eine so wertvolle Eigenschaft, dass Albert Einstein sagte: „Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. Fantasie aber umfasst die ganze Welt.“ Was können wir für uns daraus ableiten, wenn selbst ein so bedeutender  Physiker der Fantasie einen höheren Stellenwert zumisst als dem Wissen?

Kleine Kinder tragen eine schier unendliche Fantasie in sich. Wir können darauf achten, dass sie diesen kostbaren Schatz, ihre Fantasie, sowohl entdecken als auch entfalten können. Der Wald ist ein perfekter Ort dafür: Er lädt die Kinder auf tausend Weisen zum Spielen ein. Spielen ist im Wald nur für den möglich, der seine Fantasie einsetzt: Damit Dein Kind in einem Baumstamm ein Krokodil erkennt oder aus Stöcken ein Tipi bauen kann, muss es auf seine eigene Kreativität und Vorstellungskraft zurückgreifen. Während Dein Kind also aus einem Erdloch eine Dinosaurierfalle baut oder auf einem am Boden liegenden Stock über ein imaginäres Meer voller Haifischen balanciert, entwickelt und entfaltet es seine Fantasie.

 

Motorik, Gleichgewicht und Koordination

Der Wald bietet etwas ganz Einzigartiges, was es nur an ganz wenigen Orten gibt: Sein Boden ist selten eben. Hinzu kommt, dass die Beschaffenheit des Bodens meistens nicht beständig ist. Weich und hart wechseln sich ab: Erde, Pflanzen, Steine. Hier und da muss auch über eine Wurzel oder einen Stock gestiegen werden. Mal geht es leicht bergauf, mal leicht bergab. Auf einem solchen Boden lernen und erfahren Kinder Körperbeherrschung, Sicherheit und Standfestigkeit. Ihre Motorik, der Gleichgewichtssinn und die Koordination werden in einem Wald in einem ganz besonderen Maß gefördert.

Zusätzlich können Kinder über Baumstämme balancieren oder klettern. Sie können rennen – und selbst wenn sie stolpern, fallen sie meist weich. Ein Paradies für Kinder, die gerne im Freien toben.

 

Die positive Wirkung auf die Gesundheit

Wusstest du, dass die Atmosphäre des Waldes nicht nur entspannend ist, sondern auch gut ist für die Gesundheit? Dabei geht es um mehr als die allgemein positive Wirkung frischer Luft oder die Produktion von wichtigem Vitamin D durch Sonnenlicht. Das Besondere an Waldluft: sie enthält über 90 Prozent weniger Staubteilchen als die Luft in der Stadt. Zusätzlich befinden sich in der Waldluft wertvolle, gesundheitsfördernde ätherische Stoffe, die von den Bäumen gebildet werden und die dem Wald seinen so typischen Duft geben.

Clemens Arvay, Biologe und Blogger, fasst den gesundheitlichen Nutzen des Waldes mit folgenden Worten zusammen: „Der Wald hilft uns gegen Depressionen, gegen psychische Stressbelastungen und Burnout. Aber er stärkt auch unser Immunsystem, kann uns vor ernsthaften chronischen Krankheiten schützen

und sogar vor Herzinfarkt.

Japanische und koreanische Studien haben herausgefunden, dass bei Aufenthalten im Wald der Blutdruck sinkt und das Herz-Kreislauf-System stabilisiert wird. Bronchien und Lunge werden gestärkt, außerdem steigt die Anzahl der Lymphozyten im Blut.

Zusätzlich ergab eine Studie von Wissenschaftlern in Tokio, dass Waldspaziergänge sogenannte Krebs-Killerzellen aktivieren. Mit einem Satz: Die Waldluft tut nicht nur der Seele gut – sondern auch dem Körper.

 

Tipps und Ideen, mit Kindern den Wald zu entdecken

Da der Wald bietet Kindern eine enorme Vielfalt von Sinneseindrücken, Bewegungs- und Spielmöglichkeiten. Daher brauchst du für einen Waldausflug kein Kinderunterhaltungsprogramm planen. Du kannst dich entspannen und dich davon überraschen lassen, wie viele Spielmöglichkeiten die Kinder von sich aus im Wald entdecken! Ob sie mit Stöcken Ritter spielen, als Dschungelforscher einen Trampelpfad entlang schleichen oder wie Ponys über den Waldboden galoppieren – Kinder können hier mit Hilfe ihrer Fantasie wahre Abenteuer erleben.

Andere Kinder tauchen in dieses „Meer der Sinne“ hinein und erleben den Wald eher auf eine ruhige Art. Sie genießen es, wenn sie ohne Hast in ihrer eigenen Geschwindigkeit gehen – oder auch pausieren – können, und sie lassen dabei den Wald mit seinen vielen Sinneseindrücken auf sich wirken.

Der Wald steckt voller Möglichkeiten. Ihr könntet z.B. gemeinsam:

  • Schätze sammeln: Tannenzapfen und Eicheln, besonders schöne Steine oder kleine Stöcke. Damit könnt ihr später zu Hause hübsche Basteleien anfertigen, z.B. ein Mobile aus Naturmaterialien.
  • Besonders beliebt bei Kindern: Suchspiele: „Finde etwas Weiches / Hartes / Dünnes / Langes / Kurzes / Kleines / Großes / Gelbes usw.“
  • Oder ihr veranstaltet einen kleinen Wettstreit mit Tannenzapfen-Wurfspielen.
  • Oder vielleicht liebt es Dein Kind hinter Bäumen Verstecken zu spielen?
  • Ihr könnt aus Stöcken Hüpffelder auf den Boden legen, in die man springt: mit beiden Beinen, einbeinig, vorwärts, rückwärts.
  • Oder du kannst mit deinem Kind ein kleines „Insektenhotel“ aus Naturmaterialien bauen, indem du Stöcke, Zapfen, Steine und mehr aufeinanderschichtest.
  • Du kannst dein Kind an der Hand nehmen und es über einen auf dem Boden liegenden Baumstamm balancieren
  • Oder du kannst Stock-Mikado spielen: ein paar Stöcke werden auf einen Haufen gelegt. Nun versucht man, einen Stock so hochzuheben, dass der Haufen nicht wackelt. Gelingt dies, darf man mit dem nächsten Stock weitermachen. Wackelt der Haufen bzw. ein anderer Stock auf dem Haufen, ist der nächste Spieler dran.

 

Spielideen für Achtsamkeit

Während Waldausflügen lernen Kinder die Natur kennen: staunend begutachten sie einen Käfer, erfreuen sich an dem Gesang der Vögel, und entdecken den Geruch verschiedener Pflanzen. Sie entwickeln ein Bewusstsein für die Natur und können sich hier einen achtsamen Umgang mit Pflanzen und Tieren aneignen.

  • Ein Spiel, mit dem man das Bewusstsein für die Umgebung schulen kann, ist: „Sag mir, was du siehst“. Man stellt sich an eine beliebige Stelle im Wald und bittet das Kind, alle Dinge zu nennen, die es hier sehen kann. Es ist überraschend, wie viele kleine und große Sachen die Augen hier sehen!
  • Ein weiteres Spiel ist: „Sag mir, was du hörst“. Das Kind schließt die Augen, lauscht, und sagt ein Geräusch, das es hört. Nun versucht man gemeinsam mit dem Kind, mit den Augen zu finden, was es gehört hat. Es ist überraschend, wie viel von dem, was man in einem Wald hört, den Augen völlig verborgen bleiben!
  • Ein dritter Spielvorschlag ist: „Finde den Partner“. Dieses Spiel lässt sich an einer Stelle im Wald spielen, an der es mehrere unterschiedliche Baumarten gibt. Man stellt sich mit dem Kind vor einem Baum und lässt das Kind den Baum erkunden: Wie fühlt sich die Rinde an, wie sehen die Blätter aus, welche Farbe hat der Baumstamm? Dann soll das Kind im Wald den Baumpartner finden: Welcher Baum ist die gleiche Art wie der Baum, den es soeben erkundet hat?

 

Wenn Kinder sich einen achtsamen Umgang mit der Natur aneignen, so lernen sie rücksichtsvolles Verhalten – nicht nur gegenüber Pflanzen, sondern auch gegenüber Tieren und ihren Mitmenschen! Wie wertvoll ein Bewusstsein für die Natur für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit ist, erkannten bereits die Lakota Indianer:

„Die alten Lakota waren weise, sie wussten, dass das Herz des Menschen, der sich von der Natur entfremdet, hart wird. Deshalb war der Einfluss der Natur, die junge Menschen feinfühlig machte, ein wichtiger Bestandteil ihrer Erziehung.“

Sioux Häuptling Luther Standing Bear

 

Na, habt ihr jetzt vielleicht Lust auf einen Spaziergang im Wald bekommen? Dann schnell raus mit euch! Taucht ein in dieses Meer der Sinne, in dem eure Kinder ihre Fantasie entfalten können und in dem sie standfest und selbstsicher werden. Genießt zusammen die wohltuende und gesundheitsfördernde Wirkung des Waldes und seine entspannende Atmosphäre. Spielt und habt Spaß. Und wenn du magst, schau dir an, was wir von sigikid zum Thema Wald anbieten. Wir sind davon überzeugt, dass Wald wichtig ist – nicht nur für die Kinder, sondern für jeden Menschen.

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