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Polepole, lieber Löwe!

sigikid

Eine Vorlesegeschichte (nicht nur) für Kinder zum Thema Achtsamkeit

! Zur Info: „Polepole“ ist das swahilische Wort für „langsam“

Als die ersten Sonnenstrahlen den großen Löwen wecken, bleibt dieser nicht wie sonst liegen, sondern steht schnell auf. Er hat heute noch ganz viel vor. Willst du wissen, was der Löwe heute alles tun möchte?

 

Zuerst muss der Löwe eine neue Wasserstelle für sein Löwenrudel finden. Das ist nicht leicht, denn die Steppe ist riesengroß, und der Löwe hat weder eine Landkarte noch ein Navi.

Und zweitens muss der Löwe nach dem Tiger suchen. Er hat etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen. Und hier in der großen, weiten Steppe den Tiger zu finden, das ist auch nicht leicht. Denn der Löwe hat ja weder ein Telefon noch ein Handy.

Und drittens haben die drei Löwenkinder heute Geburtstag – da braucht Papa Löwe noch Geschenke für sie. Und auch das ist keine leichte Aufgabe, mitten in der afrikanischen Steppe Geschenke für ein paar heranwachsende Löwenjungs zu finden. Hier gibt es schließlich weder einen Supermarkt noch ein Spielwarengeschäft.

 

Du siehst: der Löwe hat heute nicht nur viel zu tun; er muss auch richtig schwere Aufgaben lösen.

„Wenn ich mich beeile und mich richtig doll anstrenge, schaffe ich es vielleicht“, denkt der Löwe. Und so macht er sich auf, noch bevor die Sonne ganz aufgegangen ist, und rennt los.

 

Der Löwe läuft so schnell, dass seine Pfoten über dem Boden zu schweben scheinen. Seine prächtige Mähne weht im Wind. Seine Muskeln sind angespannt, sein Atem ist schnell. Und während der Löwe durch die Steppe rennt, hört er plötzlich, wie ihm jemand zuruft:

„Polepole! Mach mal langsam!“

 

Der Löwe bleibt stehen, um zu schauen, wer da mit ihm redet.

Es ist die Giraffe. Elegant und groß steht sie vor der aufgehenden Sonne und schaut ihn freundlich an.

„Ich bin in Eile“, erklärt der Löwe.

„In Eile, in Eile…“, sagt die wunderschöne, hochgewachsene Giraffe, „Wenn du in Eile bist, verpasst du doch so viel. Dann siehst du gar nicht mehr die vielen kleinen Wunder, die dich umgeben. Schau doch mal, wie das Sonnenlicht auf den Tautropfen glitzert. Ist dir das überhaupt schon aufgefallen?“

Jetzt erst blickt der Löwe sich um. Tatsächlich! Der Anblick, der sich ihm bietet, ist atemberaubend. Milliarden von glitzernden Tautropfen hängen an den Grashalmen und reflektieren das Licht der aufgehenden Sonne. Jeder einzelne Grashalm funkelt im Sonnenaufgang, als wäre er mit Diamanten geschmückt. Es sieht aus, als hätte sich die afrikanische Steppe in ein endloses Meer aus Juwelen verwandelt.

 

Gern würde der Löwe hier stehenbleiben und die schöne Aussicht genießen.

Aber er kann nicht:

„Ich muss weiter“, sagt er. „Ich hab heute noch viel zu tun. Ich suche eine neue Wasserstelle.“

„Dann begleite ich dich“, antwortet die Giraffe, „denn eine neue Wasserstelle suche ich auch.“

 

Nun laufen sie zu zweit weiter. Weil die Giraffe aber langsamer ist als der Löwe, kann er nicht mehr ganz so schnell rennen wie vorher. Das macht den Löwen ungeduldig. Er muss sich doch beeilen. Er hat doch noch so viel vor!

 

Da ruft ihm plötzlich jemand mit tiefer, ruhiger Stimme zu: „Polepole!“

Der Löwe bleibt stehen, um zu schauen, wer ihn angesprochen hat. Es ist der Elefant.

„Wohin so schnell?“, fragt der Elefant.

„Ich habe ganz viel zu tun“, stöhnt der Löwe, „Ich bin sehr gestresst.“

„Ja, das sehe ich“, nickt der Elefant. „Doch in der Ruhe liegt die Kraft.“

„Kraft?“, fragt der Löwe, „Ich suche aber nicht nach Kraft. Ich suche eine neue Wasserstelle, den Tiger, und Geschenke für meine Kinder.“

„Ich begleite dich“, beschließt der Elefant, „denn eine bessere Wasserstelle wünsche ich mir auch. Aber wenn ich dir einen Ratschlag geben darf…?“

„Gerne.“, nickt der Löwe. Er hat zwar eigentlich keine Zeit für Ratschläge, aber den Ratschlag eines so klugen, weisen Tieres wie eines Elefanten schlägt man nicht aus.

„Bleib in deiner Kraft“, sagt der Elefant. „Und zwar bei allem, was du tust. Bleib immer in deiner Kraft.“

„Äh, danke!“, murmelt der Löwe. Mit diesem Ratschlag kann er nichts anfangen. Verstehst du, was der Elefant damit meint?

Der Löwe versteht es nicht. Er zuckt mit den Schultern und sagt: „Ich hab jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich muss weiter.“

 

Der Löwe läuft also weiter. Giraffe und Elefant folgen ihm. Und weil die Giraffe und der Elefant jetzt auch mitkommen, kann der Löwe gar nicht mehr so schnell laufen, wie er gerne möchte. Es wird immer später. Schon steht die Sonne hoch am Himmel – und noch immer ist weder Wasser noch Tiger noch Geschenke zu sehen. „Hoffentlich schaffe ich es noch.“, denkt der Löwe. „Wie soll ich nur die neue Wasserstelle finden? Ich sehe überall nur Gras. Und wo steckt bloß der Tiger? Und wo bekomme ich hier schöne Geschenke für meine Kinder her?“

Der Löwe macht sich viele, viele Gedanken und viele, viele Sorgen.

 

Es dauert nicht lange, und der Löwe hört wieder, dass jemand ihm zuruft: „Polepole!“.

„Nicht schon wieder“, denkt der Löwe und bleibt stehen, um zu schauen, wer diesmal zu ihm redet.

Es ist ein Zebra.

„Warum sagst du Polepole zu mir?“, fragt der Löwe. „Ich lauf doch schon langsam!“

Das Zebra wiehert lachend. Dann sagt es: „Aber deine Augen nicht.“

„Was?“, ruft der Löwe.

Das Zebra erklärt: „Ich sehe, dass deine Augen nicht da sind, wo du bist. Dein Blick ist woanders. In der Zukunft, in der Ferne, ich weiß nicht wo. Dein Blick ist jedenfalls nicht hier. Bestimmt machst du dir gerade ganz viel Sorgen. Darum Polepole, mein Freund, werde langsamer, damit dein Blick wieder da ist, wo du bist.“

„Mein Blick? Ich denke doch nur an meine Ziele. Ich habe noch so viel vor. Und ich möchte das halt alles heute noch schaffen.“

„Wenn du möchtest, begleite ich dich!“, ruft das Zebra freudig und schließt sich der kleinen Gruppe an.

Und bald geht es weiter – der Löwe voran und hinter ihm gehen Giraffe, Elefant und Zebra.

 

Als Gruppe kommen sie gar nicht mehr schnell vorwärts. Denn das Zebra hat keine Lust, sich zu beeilen. Der Löwe muss jetzt ganz schön langsam gehen. Und das ärgert ihn.

Er denkt nochmal darüber nach, was das Zebra ihm gesagt hat:

„Mein Blick ist zu schnell– was für ein Quatsch!“, denkt er.

Und dann fallen ihm wieder seine Aufgaben ein. Ob er heute alles schafft, was er sich vorgenommen hat?

 

Es dauert nicht lange, und da hört er wieder jemanden rufen:  „Polepole!“. Diesmal ist es eine Antilope.

Darüber freut sich der Löwe.

Denn Antilopen sind sehr schnelle Tiere.
„Endlich jemand, der schnell rennen kann!“, denkt der Löwe.

Die Antilope sagt nochmal: „Polepole!“

„Was meinst du mit Polepole!“?“, fragt der Löwe überrascht, „Ich lauf doch schon langsam – viel zu langsam. Wie soll ich in diesem Schneckentempo nur schaffen, was ich mir vorgenommen habe?“

Die Antilope sagte: „Ich meinte mit Polepole nicht deine Beine.“

„Was dann?“, fragt der Löwe: „Meinst du etwa meine Augen? Meinen Blick?“

„Nein“, erwidert die Antilope, „Ich meine dein Herz.“

„Mein Herz? Woher weißt du, wie es meinem Herzen geht?“, fragt jetzt der Löwe neugierig.

„Na, ich kann es doch spüren“, antwortet die Antilope.

Das erstaunt den Löwen. „Ich kann dein Herz nicht spüren“, antwortet er schließlich.

Die Antilope nickt: „Weil du nicht in der Ruhe bist. Wärst du in der Ruhe, könntest du auch mein Herz spüren. Und das Herz eines jeden anderen Tieres, das dir begegnet.“

„Das Herz der anderen Tiere spüren?“, fragt der Löwe. „Das ist mir zu viel! Das will ich nicht. Ich hab doch schon genug eigene Sorgen. Ich will da nicht auch noch die Sorgen der anderen spüren können.“

„Du sagst das nur, weil du nicht in deiner Kraft bist“, erklärt die Antilope. „Wärst du in deiner Kraft, könnten dir weder deine Sorgen etwas anhaben noch die der anderen Tiere.“

Der Löwe schweigt. Die Antilope nickt und meint schließlich: „Ich schließ mich euch an!“

 

Nun besteht die Gruppe schon aus fünf Tieren.

Doch auch mit einer Antilope geht es nur sehr langsam vorwärts.

„Warum läufst du nicht schneller?“, fragt der Löwe die Antilope gestresst, „Ich muss heut doch noch so viel erledigen. Und ich weiß, dass du schneller laufen kannst. Du kannst sogar rennen!“

Die Antilope schaut den Löwen verwundert an: “Warum sollte ich denn rennen? Werde ich denn gejagt? Löwe, lass dich nie jagen von dem, was du zu tun gedenkst.“

 

Und da fällt dem Löwen endlich auf, dass er sich eigentlich benimmt wie ein Tier, das gejagt wird. Stress, Wut, Ärger und Sorgen – das sind doch alles Gefühle, die Tiere haben, wenn sie gejagt werden.

„Ich hab mich von meinen Aufgaben jagen lassen“, stellt der Löwe fest.

Doch nun fragt er sich: „Aber was kann ich ändern? Meine Ziele loslassen? Das kann ich nicht.“

 

Da nähert sich ihm wieder die Antilope. Ruhig sagt sie ihm:

„Deine Ziele loslassen, das sollst du doch gar nicht.

Deine Sorgen loslassen, darum geht es.

Du wirst bei deinen Zielen ankommen, wenn du auch in dir selbst ankommst. Wenn du in dir drinnen in der Ruhe bist.“

 

Als die Antilope das sagt, bleibt der Löwe stehen.

Zum ersten Mal seit dem Morgengrauen rastet er.

Er spürt seinen Atem, der wie ein warmer, lebensspendender Wind in ihn ein- und ausströmt.

Er spürt die Sonnenstrahlen auf seinem Rücken.

Er hört das Zwitschern der Vögel in der Luft, das Summen von Insekten im Steppengras.

Er sieht, wie sich die einzelnen Grashalme sanft im Wind bewegen, so als würden sie zu einer unhörbaren Melodie tanzen.

Er riecht den Duft des Tages: Es duftet nach Sonne und Steppe, nach Wind und Weite, nach wilden Kräutern und nach Freiheit.

In der Ferne sind Trommeln zu hören.

Und dann schließt der Löwe seine Augen.

 

Er lauscht den Trommeln.

Er lauscht seinem eigenen Herzen.

Und langsam spürt er, dass er zur Ruhe kommt.

Dass er in sich ankommt.

Und es fühlt sich wunderschön an – voller Frieden und Glück.

 

Als der Löwe wieder seine Augen öffnet, ruft der Elefant laut: „Neue Wasserstelle, nur noch 30 Minuten von uns entfernt, in südöstlicher Richtung!“

 

Der Löwe ist verblüfft: „Woher weißt du das?“

Der Elefant nickt: „Ich weiß es von Freunden, den anderen Elefanten. Wir kommunizieren über den Boden, hören einander über viele Kilometer entfernt, indem wir den Boden mit unseren Füßen fühlen. Meine Freunde befinden sich sogar schon an dieser neuen Wasserstelle und genießen das kühle, frische Wasser.“

 

Der Löwe freut sich sehr über die gute Nachricht. Doch dann fragt er den Elefanten: „Sag mal, hättest du das nicht vorher schon hören können?“

„Ging nicht“, antwortet der Elefant. „Wir waren ja unterwegs. Ich kann den Boden nur in der Stille und Ruhe hören. Nur dann kann ich mit meinen Füßen fühlen, was mir die anderen Elefanten berichten wollen.“

 

Während die Tiere jetzt freudig in Richtung der Wasserstelle aufbrechen, ruft auf einmal die Giraffe: „Ich sehe einen Tiger! Löwe, wolltest du ihn nicht treffen?“

„Ja“, antwortet der Löwe, „Ich muss ihn unbedingt treffen!“

Und da merkt er: Wie gut, dass die anderen Tiere mitgekommen sind. Ohne sie hätte er nicht nur die Wasserstelle nicht so schnell gefunden. Auch hätte er den Tiger nicht gesehen, denn so einen langen Hals wie die Giraffe hat er nun mal nicht. Eine Giraffe kann alles von weitem sehen.

 

Wenig später hat der Löwe schließlich den Tiger getroffen und die neue Wasserstelle gefunden.

„Na, Löwe, hast du deine Ziele erreicht?“, fragt der Elefant mit seiner ruhigen, tiefen Stimme, als sie lachend am kühlen Wasser stehen und sich erfrischen.

Der Löwe nickt: „Mir fehlt jetzt nur noch ein Geschenk für meine Kinder“, erklärt er. „Ich weiß noch nicht, was ich ihnen mitbringen kann. Einen Stein von der neuen Wasserstelle? Ein besonders schönes Stück Holz?“

„Ich wüsste etwas Besseres!“, erwidert der Elefant.
„Was denn?“, fragt der Löwe.
„Nun, wir begleiten dich nach Hause. Und dann schenkst du deinen Kleinen einen Ritt auf einem Elefanten, einen Ritt auf einer Giraffe, einen Ritt auf einem Zebra, und einen Ritt auf einer Antilope.“

„Genial! Das würde meine Kids total begeistern!“, ruft der Löwe freudig. „Würdet ihr das für mich machen?“

„Aber klar!“, rufen die anderen Tiere. Ihre Augen strahlen vor Freude. Und das Funkeln in ihren Augen erinnert den Löwen ein kleines bisschen an das Meer der Juwelen, in das er heute früh geblickt hatte.

Und in genau diesem Moment spürt der Löwe es.

Wobei, spüren ist wohl das falsche Wort. Wahrnehmen wäre eine bessere Bezeichnung:

Er spürt Freude und tiefes inneres Glück.

Er spürt Gemeinschaft und Verbundenheit.

Er spürt Vertrauen und Freundschaft.

Er spürt den Herzschlag der anderen Tiere.

 

„Jetzt versteh ich, was ihr mir sagen wolltet“, flüstert der Löwe staunend.

„Ich dachte, ihr meintet mit Polepole mein Tempo. Aber um Geschwindigkeit ging es euch nie!“

 

An diesem Abend, als der Löwe nach dem langen Tag nach Hause kommt, hat er viel mehr erreicht als nur eine neue Wasserstelle gefunden. Er hat auch den Tiger getroffen und tolle Geschenke seinen Kindern mitgebracht. Aber er hat noch viel mehr erlebt: Er hat etwas gelernt, das er nie wieder vergessen wird.

 

 

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