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7 Irrtümer über Trotzanfälle: Was du wissen musst, um der Trotzphase deines Kindes entspannt zu begegnen

sigikid

Die meisten Eltern von kleinen Kindern haben bereits Trotzanfälle und heftige Wutausbrüche ihrer Kleinen erlebt. Diese bis zum Bersten mit Energie geladenen Emotionsabladungen fordern unsere elterliche Geduld und strapazieren häufig auch unsere Nerven.

Wir geben dir in unserem Blogbeitrag diesmal keine Tipps, was du noch alles tun könntest, um besser mit solchen Trotzanfällen umzugehen. Stattdessen machen wir es dir so einfach wie möglich: wir zeigen dir den Ballast (die Irrtümer), den du vielleicht unbewusst trägst und getrost loslassen kannst.

Wer hätte gedacht, dass bei Trotzanfällen so viele gedankliche Irrtümer existieren, die man als Eltern haben kann? Meistens merkt man es nicht, wenn man ein falsches Denkmuster hat. Doch sobald man einen bestimmten Gedanken als Irrtum erkannt hat, fällt es sehr leicht, ihn zu verwerfen.

Schau doch mal, ob sich auch bei dir ein solcher Irrtum eingeschlichen hat. Du wirst erstaunt sein, wie viel leichter und entspannter dir der Umgang mit der Trotzphase deines Kindes fallen wird, wenn du nicht mehr aus falschen Denkmustern heraus agierst und reagierst.

 

 

1. Das Kind muss sich ändern

Sobald unser Kind einen Trotzanfall oder Wutausbruch hat, gilt unsere Aufmerksamkeit dem Kind. Genauer gesagt: dem Verhalten des Kindes. Dieses Verhalten (Schreien, Spucken, mit Sachen werfen, Heulen, Brüllen, mit Fäusten trommeln o.ä.) finden wir inakzeptabel – also versuchen wir unser Kind dazu zu bringen, sein Verhalten schnellstmöglich zu ändern. Doch hier sind wir bereits einem Irrtum aufgelaufen: wir meinen, unser Kind müsste sich bzw. sein Verhalten und seine Gefühle unter Kontrolle bekommen.

Tatsächlich müssen jedoch zuerst wir selbst unsere aufkommenden Gefühle unter Kontrolle bekommen. Kommt dir das bekannt vor: Das Kind schreit und tobt und bei einem selbst steigt der Herzschlag? Man wird nervös und gestresst. Gefühle wie Ärger, Verzweiflung oder Wut fangen an, sich bemerkbar zu machen. Nur zu schnell ist man dann ungeduldig oder barsch dem Kind gegenüber. Ist der Trotzanfall des Kindes vorüber, so ist das Kind zwar wieder glücklich, doch man selbst fühlt sich erschöpft und ausgepowert.

Es ist tatsächlich so, dass wir als Eltern zuerst etwas bei uns selbst ändern müssen, wenn wir es vermeiden wollen, dass wir entweder auf eine Weise reagieren, die wir später bereuen, oder dass wir uns am Ende des Tages völlig ausgezehrt fühlen. Wir müssen zu einem Punkt innerer Ruhe kommen, damit wir standfest wie ein Leuchtturm im Sturm kindlicher Gefühle stehen können. Ein Leuchtturm wird von den tobenden Wellen weder umgeworfen noch beeinträchtigt – egal, wie heftig die Wogen gegen den Leuchtturm schlagen.

Es kann helfen, sich einen kurzen Moment aus dem Geschehen innerlich „auszuklinken“ und sich, statt auf das Verhalten des Kindes, auf sich selbst zu fokussieren. Werde dir deiner eigenen Atmung bewusst. Dein eigener, tiefer Atem hilft dir, dich wieder zu zentrieren, ruhig zu werden und gelassen und entspannt zu bleiben. Erst dann, wenn du fest wie ein Leuchtturm in deiner inneren Ruhe verankert bist, kannst du dich um den Sturm kümmern, der um dich herum tobt. (Tipp: In unserem Elternblog findest du Achtsamkeitstipps, die dir zu mehr Gelassenheit verhelfen können)

„Der wahre Zweck eines Leuchtturms wird erst offenbar, wenn er bei Sturm und Dunkelheit leuchtet“. (Zitat unbekannter Herkunft)

 

 

2. Ein Trotzanfall hat etwas mit dem Willen des Kindes zu tun

Dein Kind wird gerade von den heftigsten Gefühlsstürmen überrollt, von Hilflosigkeit, Verzweiflung, Wut und Zorn. Diese Stürme kann es noch nicht beherrschen. Irgendwann wird dein Kind fähig sein, sich nicht mehr von Gefühlswellen übermannen zu lassen. Aber jetzt gerade ist es dazu noch nicht fähig. Es ist also keine Sache des Nicht-wollens, sondern eine Sache des Nicht-könnens.

Sieh den Trotzanfall als das, was es ist: Ein Teil eines Lernprozesses und als Teil einer wichtigen Entwicklungsphase.

Niemand erwartet von einem drei- oder vierjährigen Kind, dass es rechnen kann.

Niemand erwartet von ihm, dass es schon lesen und schreiben kann.

Aber warum erwartet man von ihm, dass es seine Gefühle in dramatischen Konfliktsituationen beherrschen kann?

Natürlich sieht eine Konfliktsituation aus Sicht eines Kindes anders aus als aus unserer Erwachsenenperspektive. Für ein Kind kann eine dramatische Konfliktsituation bereits darin bestehen, dass sich in der Suppe Sternchennudeln statt Buchstabennudeln befinden, dass die Sonne zu hell scheint, oder dass sein Lieblingskleidungsstück gerade in der Waschmaschine ist.

  • Wenn ein Schulkind Mathematik lernt und eine Rechenaufgabe nicht versteht, sagt man nicht: „Du musst es doch nur wollen!“. Nein, es liegt nicht am Wollen, sondern am Können. Das Kind ist noch am Lernen; es begreift noch nicht, wie es das Problem lösen kann. Wir machen ihm also keine Vorwürfe, sondern unterstützen es dabei und helfen ihm geduldig.
  • Wenn ein Schulkind schreiben lernt und dabei Buchstaben durcheinanderbringt, dann wirft man ihm auch nicht vor: „Du musst es doch nur wollen!“. Nein, es liegt nicht am Wollen, sondern am Können. Das Kind ist noch am Lernen, und in diesem Lernprozess darf es Fehler machen und aus seinen Fehlern lernen.
  • Genauso ist es auch beim Lernen der Gefühlsregulation. Wenn dein Kind es in einer – aus seiner Sicht – bedeutsamen Konfliktsituation nicht schafft, seine Gefühle angemessen zu beherrschen, dann bringt es nichts, zu sagen oder zu denken: „Du musst es nur wollen“. Nein, auch hier liegt es meist nicht am Wollen, sondern am Können. Dein Kind ist noch am Lernen!

Wenn wir Erwachsenen verstehen, dass Gefühlsregulation ein Lernprozess ist, hören wir auf, unserem Kind Vorwürfe oder Schuldgefühle für die Trotzanfälle zu machen. Und ähnlich, wie später einmal in der Schule, sollten wir unser Kind auch im „Fach Gefühle“ nicht ganz allein lassen. Wir können ihm beistehen und helfen, damit es aus dieser Situation lernt, reift und wächst. Wir gestehen ihm ein, Fehler zu machen und noch nicht alles perfekt zu können. Das ist in Ordnung! Denn Lernen, das geschieht nun mal nicht von heute auf morgen.

Wenn dein Kind das nächste Mal einen Wutanfall hat, dann wisse, dass es dies höchstwahrscheinlich nicht tut, um dich zu ärgern. Erinnere dich daran, dass auf dem Stundenplan gerade das Fach „Gefühls- und Konfliktbewältigung“ dran ist. Es liegt nicht am Wollen, sondern am Können. Diesen Lernprozess kannst du nicht beschleunigen, denn: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ (afrikanisches Sprichwort). Erlaube deinem Kind, sich in seinem eigenen Tempo zu entwickeln.

 

 

3. Mit vernünftigen Argumenten beruhigt sich der Sturm

Bei einem Kind, das gerade von seinen Gefühlswellen überrollt wird und regelrecht austickt, helfen vernünftige Worte relativ wenig. Die besten Argumente schaffen es meist nicht, einen solchen Sturm zu stillen. In diesem Moment ist dein Kind nämlich alles andere als aufnahmefähig für Verstand oder Logik. Es bringt also herzlich wenig, auf dein Kind einzureden – genauso gut könntest du zu ihm chinesisch reden.

Dein Kind befindet sich gerade in einem Gefühlssturm. Du kannst entweder warten, bis der Sturm vorbeizieht und sich legt. Dies sollte aber nie ohne Ankündigung passieren. Wenn du z.B. das Zimmer verlässt, bis dein Kind sich beruhigt hat, dann solltest du dies deinem Kind ruhig und liebevoll mitteilen. Schon am Tonfall deiner freundlichen Stimme sollte deinem Kind deutlich sein, dass du dich nicht distanzierst, weil du es bestrafen willst. Sage deinem Kind, dass es jederzeit zu dir kommen kann, wenn es sich beruhigt hat.

Oder du kannst deinem Kind im Sturm begegnen und es abholen, wo es gerade ist, und dann mit ihm zusammen den Sturm verlassen. Wenn du dein Kind abholen willst, kann folgendes helfen:

  1. Knie dich zu deinem Kind hin, begib dich auf Augenhöhe. Schau dein Kind an, suche den Blickkontakt.
  2. Berühre oder umarme es, wenn es dies zulässt. Wenn es dies nicht zulässt, so setze dich einfach neben dein Kind.
  3. Nimm dein Kind und seine Gefühle ernst. Versuche die Situation aus den Augen deines Kindes zu sehen, und zeige deinem Kind Empathie.
  4. Sprich dein Kind mit ruhiger Stimme an und hilf ihm, zu verstehen, was gerade passiert. Lade dein Kind ein, seine Gefühle in Worte zu fassen.  Dazu kannst du einfach beschreiben was du siehst: „Ich sehe, du bist wütend“ oder „Ich verstehe, dass du wütend bist“.
  5. Wenn sich die Gefühle deines Kindes einigermaßen beruhigt haben, könnt ihr gemeinsam nach Lösungen suchen: „Was könnte dir jetzt helfen?“, „Was können wir machen, damit es dir besser geht?“. So könnt ihr gemeinsam nach Alternativen suchen – je nachdem, um was es in diesem Moment gerade geht.

„Du kannst deinem Kind nicht jeden Wunsch erfüllen. Aber du kannst und solltest ihn ernstnehmen“ (Zitat unbekannter Herkunft)

 

 

4. Mit meinem Kind ist etwas nicht in Ordnung

Eigentlich weiß man ja, dass dieser Gedanke nicht stimmt. Aber dennoch kann es sein, dass ein solcher gedanklicher Impuls hochkommt, wenn man sieht, wie sich das ruhige, liebevolle Kind, plötzlich ohne Vorankündigung in ein tobendes Rumpelstilzchen verwandelt, nur weil es zum Frühstück nicht die gewünschten Pommes mit Ketchup gibt oder weil es abends, wenn es bereits im Bett liegt, nicht nochmal kurz raus auf den Spielplatz darf.

Das Ermutigendste, was einem bei einem Trotzanfall des Kindes in der Öffentlichkeit passieren kann, sind andere Mütter, Väter oder Großeltern, die einem ermutigend zuzwinkern und bemerken: „Das war bei meinem Kind ganz genauso!“. Da wird man wieder daran erinnert, dass dieses so anormal wirkende Verhalten doch tatsächlich eigentlich ganz normal zu sein scheint. Und man weiß: Mit meinem Kind ist ja doch alles in Ordnung!

 

 

5. Es wäre besser, wenn mein Kind keine Trotzanfälle und Wutausbrüche hätte

Dieser Gedanke ist gefährlich, denn damit sagt oder denkt man, dass es einem lieber wäre, wenn das Kind anders wäre als es ist. Das ist das Gegenteil von bedingungsloser Liebe, und eine solche Haltung seitens der Eltern bürdet dem Kind einen ungesunden Erwartungsdruck auf – selbst, wenn solche Gedanken nie verbalisiert wurden.

Klar wäre der Einkauf im Supermarkt einfacher, wenn das Kind nicht laut brüllen würde, weil man ihm keine Süßigkeit kauft.

Klar wäre der Besuch auf dem Spielplatz einfacher, wenn das Kind nicht ein anderes Kind anspucken würde, nur weil es nicht mitspielen darf.

Klar wäre der Tagesablauf angenehmer, wenn es keine Wutausbrüche, Tobsuchtsanfälle, Provokationen u.ä. geben würde.

Klar.

Aber frag dich mal: Möchtest du ein angepasstes, konformes und folgsames Kind, nur weil es „einfacher“ für dich ist? Was wird aus einem Kind werden, wenn es nicht gelernt hat, seinen eigenen Willen wahrzunehmen und für seine Wünsche auch mal zu kämpfen? Was wird aus einem Kind, wenn es nicht gelernt hat, mit Konfliktsituationen umzugehen, weil es immer sofort nachgibt? Was wird aus einem Kind, wenn es nicht gelernt hat, Gefühle wie Ärger oder Frust zuzulassen, und  sich stattdessen stets hinter einer stillen Fassade versteckt? Was wird aus einem Kind, wenn es nicht gelernt hat, eine Anweisung auch mal in Frage zu stellen und sich zu widersetzen?

Trotzanfälle dienen nicht dazu, dir als Mutter oder Vater das Leben unnötig schwer zu machen. Es sind wichtige Lernprozesse, die dein Kind braucht. Und das Wichtigste, das du deinem Kind als Mutter und Vater geben kannst, ist die Bedingungslosigkeit deiner Liebe – ganz egal, wie sich dein Kind verhält oder wie anstrengend der Alltag für dich ist. Denke daran:

Erwartungsdruck motiviert dein Kind nur dazu, die beste Version der Vorstellung zu werden, die andere Menschen von ihm haben. Bedingungslose Annahme und Liebe motiviert dein Kind jedoch, die beste Version seiner selbst zu werden.

Außerdem sei hier hinzugefügt: Manche Kinder nutzen störendes Verhalten bewusst, um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern auf sich zu ziehen, weil sie sich wenig beachtet fühlen. Wenn du deinem Kind auch dann Augenkontakt, ein warmes Lächeln, eine freundliche Umarmung oder ein Wort der Anerkennung entgegenbringst, während es sich ruhig verhält, dann ist es weniger versucht, durch provozierendes und störendes Verhalten deine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Lass dein Kind im Alltag immer wieder wissen, dass du es beachtest.

Ein schönes Zitat des Autors Alfie Kohn zu diesem Thema lautet: „‘Grenzen austesten‘ – ein beliebter Satz im Bereich der Erziehung. Manchmal wird die Annahme, Kinder wollten uns testen, sogar als Begründung aufgeführt, sie zu bestrafen. Mein Verdacht ist jedoch, dass Kinder durch ihr Fehlverhalten etwas völlig anderes testen wollen – nämlich die Bedingungslosigkeit unserer Liebe.“

 

 

6. Bestrafen (Ausschimpfen, Konsequenzen androhen o.ä.) hilft

Ein weiterer, geläufiger Irrtum ist der Glaube, Strafen würden helfen. Oft kommt dieser Irrtum aus den Erlebnissen der eigenen Kindheit oder gar aus purer Hilflosigkeit. Strafen und Konsequenzen bringen jedoch nicht wirklich viel, denn …

  1. in einem Gefühlsausbruch ist dein Kind völlig vom Hier und Jetzt eingenommen. Es ist noch gar nicht imstande dazu, an die Folgen später zu denken. Daher erreichen Sätze wie „Wenn…, dann…“ dein Kind nicht wirklich: das „Dann“ ist momentan in der Hitze der Gefühle für dein Kind überhaupt nicht greifbar. Ja, es ist ihm hier und jetzt sogar völlig egal.
  2. Strafen machen keinen Sinn, wenn dein Kind noch gar nicht fähig ist, seine Gefühle zu regulieren. Siehe dazu Punkt 2.

Natürlich kann und soll dein Kind aus der Situation lernen, damit es das nächste Mal in einer ähnlichen Gegebenheit besser handelt. Das ist umso wichtiger, wenn dein Kind anfängt, in Wutausbrüchen Gegenstände zu beschädigen, zu schlagen oder bewusst verbotene Dinge zu machen. Hier solltest du dich fragen: Wie lernt ein Kind am effektivsten?

Am besten lernt es, wenn es die Folgen seines Handelns selbst erfährt. Erlaube daher deinem Kind, soweit möglich, die Folgen seiner Entscheidungen zu erfahren, damit es daraus lernt. Natürlich geht das nicht in allen Situationen, sondern nur dann, wenn die Folgen deinem Kind keinen Schaden zufügen können. Suche daher gezielt nach ein paar einzelnen Gegebenheiten, die sich zum Lernen eignen.

“Wenn wir einem Kind erlauben, die Folgen seines Tuns zu erfahren, bieten wir eine ehrliche und wirkliche Lernsituation,“ (Rudolf Dreikurs)

 

Wie könnten solche natürlichen Folgen aussehen?

  • Wenn dein Kind den Pyjama partout nicht ausziehen möchte, dann fahre es doch mal mit Schlafanzug in den Kindergarten. Vielleicht wird dein Kind dann erleben, dass es besser ist, sich anzuziehen, z.B. aufgrund der Reaktion der anderen Kinder. Nicht nur wird dein Kind aus dieser Situation lernen – auch erspart es euch einen anstrengenden morgendlichen Machtkampf darüber, wer denn jetzt bestimmen darf.
  • Wenn dein Kind sich weigert, sich die Schuhe anzuziehen, dann lass es barfuß laufen. Vielleicht merkt es dann selbst, dass Schuhe gar keine schlechte Erfindung sind. Und wenn ihm das Barfußlaufen gefällt: so ungesund ist es gar nicht.
  • Möchte sich dein Kind nicht die Zähne putzen? Kein Problem, wenn es bereit ist, mit den Folgen zu leben. Mit Folgen ist jedoch nicht Karies gemeint, sondern die Änderung des Speiseplans. Du kannst deinem Kind sagen: „Du brauchst deine Zähne nicht zu putzen, wenn du nicht willst. Allerdings kannst du dann auch nichts Süßes essen und keinen Saft trinken, weil dies ungeputzte Zähne kaputt machen kann“. Wenn dein Kind dann in den Folgetagen begreift, was die Folge des Nichtzähneputzens tatsächlich bedeutet, wird es sicherlich bald von sich aus Zähneputzen wollen.
  • Wenn dein Kind im Geschäft wütend die Verpackung eines Spielzeugs aufreißt, weil du keine Bereitschaft gezeigt hast, es ihm zu kaufen, dann macht es keinen Sinn, ihn mit Fernsehverbot, Nachtischverbot oder ähnlichen „Konsequenzen“ zu bestrafen. Mach deinem Kind stattdessen Vorschläge, was man jetzt tun könnte. Möchte dein Kind die Sache dem Verkäufer beichten und sich entschuldigen? Möchte dein Kind es von seinem Taschengeld bezahlen? Oder, wenn es noch kein Taschengeld bekommt, möchte sich das Kind das Spielzeug verdienen, indem es eine einfache, altersgerechte Aufgabe im Haushalt ausführt?

(Ein paar weitere nützliche Tipps zu diesem Thema findest du auch bei unseren Tipps zum Thema Geschwisterstreitigkeiten.)

 

 

7. Ich mache etwas falsch in meiner Erziehung, sonst würde sich mein Kind nicht so benehmen

Kennst du den „Blick“? Du stehst im Supermarkt an der Kasse, und dein Kind führt gerade den Trotzanfall par excellence vor, weil du ihm nicht dieses süße Naschzeug, aus dem in Kinderhöhe platzierten Regal neben der Kasse kaufst. Dein Kind schmeißt sich also vor allen Leuten auf den Boden, brüllt und heult, hämmert mit den Fäusten gegen deine Beine oder wirft irgendeinen Gegenstand in hohem Bogen durch den Laden. Spätestens jetzt spürst du ihn: den „Blick“. Es ist, als verfügtest du plötzlich über telepathische Fähigkeiten und könntest die Gedanken der anderen lesen: „Was ist denn das für eine Mutter? Die hat ihr Kind gar nicht im Griff! Die kann ihr Kind ja überhaupt nicht erziehen!“

Oder du gehst an einem kühlen Morgen mit deinem Kind aus dem Haus, und es weigert sich, eine Jacke anzuziehen. Es will unbedingt mit T-Shirt in der Kälte herumlaufen. Nun ist sogar ganz egal, wie du reagierst – du bekommst den „Blick“ so oder so zu spüren: Wenn du dein Kind eine Weile kurzärmelig herumlaufen lässt (damit es selber die Folgen seines Handelns erfährt und versteht, warum eine Jacke Sinn macht), dann sagt der Blick der anderen: „Schaut euch diese Mutter an, die lässt ihr Kind in der Kälte mit dünner Kleidung herumlaufen! Wie verantwortungslos!“.

Und wenn du deinem Kind gegen seinen Willen die Jacke anziehst und es dann brüllend und tobend am Arm hinter dir herziehst, damit ihr rechtzeitig zur Kernzeit im Kindergarten ankommt – dann lautet der Blick: „Was macht diese Mutter nur mit ihrem Kind!“.

Gleiches gilt übrigens bei Vätern, die ebenfalls nicht vor dem „Blick“ anderer geschützt sind.

Wenn du jedoch erkennst, dass ein Gefühlsausbruch deines Kindes noch keine Bewertung deines Erziehungsstils berechtigt, wird dir der Blick der anderen völlig egal. Denn du weißt: Du machst gar nichts falsch. Die Trotzphase ist für Kinder ein äußerst wichtiger Entwicklungsschritt. Hier lernt dein Kind die fürs Leben so wichtigen Dinge wie der Umgang mit eigenen Gefühlen, das Schließen von Kompromissen, Geduld, Resilienz oder einen reflektierten Umgang mit Situationen. Solche Dinge lassen sich nun mal nicht aus Schulbüchern oder durch Theorie aneignen– sondern nur durch das Leben selbst.

Betrachte die Trotzphase also nie als einen Hinweis auf mögliche Erziehungsfehler deinerseits – das wäre ein sehr großer Irrtum.

  • Wenn dein Kind laufen lernt und dabei auch mal hinfällt – zweifelst du dann an deiner Erziehungskompetenz? Nein, du weißt, das Hinfallen gehört zum Laufen lernen dazu.
  • Wenn dein Kind lernt, selbständig zu essen, und dabei kleckert – zweifelst du dann an deiner Erziehungskompetenz? Nein, du weißt, das Kleckern gehört zum Essenslernen dazu.
  • Wenn dein Kind seinen eigenen Willen entdeckt, sich als eigene Persönlichkeit wahrnimmt und folglich erstmal heftig protestiert, wenn die Eltern etwas anderes wollen als es selbst – zweifelst du dann an deiner Erziehungskompetenz? Nein, solltest du nicht. Denn du weißt, diese „Proteste“ deines Kindes gehören zur Entwicklung seiner Selbstständigkeit dazu!

Je mehr du verstehst, dass es sich um Lernprozesse handelt, desto gelassener und entspannter wirst du. Und genauso wie dein Kind das Laufen lernte und dann irgendwann perfekt beherrschte – so wird es auch den Umgang mit Gefühlen lernen. Gib ihm die Zeit, die es dazu braucht und unterstütze es, wo es Unterstützung braucht.

Und denk daran: Nicht nur ein Kind lernt und entwickelt sich während Trotzphasen weiter, sondern auch seine Eltern!

 

„Die Qualität von Eltern bemisst sich nicht nach den Regeln, die sie ihren Kindern vorgeben, sondern nach der Art der Reaktion, wenn diese Regeln gebrochen werden.“ Jesper Juul, dänischer Familientherapeut

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